An apple per day keeps cancer away – Chemoprävention – was ist dran?

Quelle: springermedizin.de

Ob man in der Schatzkiste der Natur danach sucht oder im pharmazeutischen Labor: Chemopräventive Substanzen sollen der Krebsentwicklung vorbeugen. Stimmt das? Und welche Prozesse im Körper werden dadurch beeinflusst? Wir haben Dr. Clarissa Gerhäuser vom Deutschen Krebsforschungszentrum gefragt.

Springer Medizin: Frau Dr. Gerhäuser, was versteht man eigentlich genau unter dem Begriff Chemoprävention?

Dr. Clarissa Gerhäuser: Unter Chemoprävention versteht man den Einsatz von Naturstoffen, Nahrungsbestandteilen oder auch pharmazeutischen Verbindungen, um die Krebsentstehung zu blockieren oder zu verlangsamen. Das Ziel ist es, nicht zu warten, bis ein Tumor entsteht, sondern über die Beeinflussung verschiedener Mechanismen in den langjährigen Prozess der Tumorgenese einzugreifen.

Wie wirken chemopräventive Substanzen?

Bei der Krebsentstehung wird normales Gewebe durch Karzinogene oder auch durch reaktive Sauerstoffspezies geschädigt. Es kommt zu Mutationen und zu Schädigungen in der Erbsubstanz. Antioxidative Verbindungen können zum einen diese reaktiven Sauerstoffspezies entgiften, zum andern die Entgiftungsprozesse des Körpers anregen, um Karzinogene aus dem Körper wieder auszuschleusen. Entwickelt sich der Krebs weiter, kommt es zu Stadien von Entzündungen, die mit Entzündungshemmern bekämpft werden können. Hormone und Signalwege spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, die mit Hormonrezeptor-Inhibitoren wie z.B. Tamoxifen gehemmt werden. Zudem kann die Neubildung von Blutgefäßen (Angiogenese), die durch einen Tumor induziert wird, unterdrückt werden. Wir haben vor Jahren untersucht, wie sich Naturstoffe auf die Neoangiogenese auswirken und konnten, zumindest in Zellkultur und im Tiermodell, signifikante Effekte zeigen.

Was ist besser: Die chemopräventiven Stoffe aus zum Beispiel einem Apfel zu extrahieren oder den Apfel zu essen?

Meine Empfehlung ist es, den Apfel zu essen. Man muss berücksichtigen, dass Obst und Gemüse aus viel mehr besteht, unter anderem aus Ballaststoffen und Vitaminen. Zusätzlich wird man satt, was bedeutet, dass man automatisch weniger fettreiche oder kohlenhydratreiche Nahrung zu sich nimmt. Es ist sicherlich falsch, dass eine Pille schlechte Ernährungsgewohnheiten ausgleichen kann.

Kann dieser berühmte „apple per day“ denn tatsächlich Krebs vorbeugen?

Ja. Wir haben Apfelsaft im Hinblick auf Darmkrebsprävention im Tiermodell untersucht. Mäuse, die durch einen genetischen Defekt Tumoren im Dünndarm entwickeln, bekamen 40% weniger Tumoren, wenn wir das Trinkwasser durch Apfelsaft ersetzten. Eine Gruppe aus Italien zeigte, dass sich Apfelsaftinhaltsstoffe auf epigenetische Mechanismen, sprich auf die DNA-Methylierung, auswirken. So konnte dem Verlust der Methylierung durch die Gabe von Apfelsaft im gesamten Genom vorgebeugt werden. Dies ist interessant, denn ein Verlust dieser Methylierung kann zur genomischen Instabilität führen und die Krebsentstehung somit verstärken.

Und wer keinen Apfel mag?

Eine Gruppe in den USA beschäftigt sich zum Beispiel mit der Erforschung von schwarzen Himbeeren. Probanden, die getrocknete schwarze Himbeeren in Form eines Smoothies zu sich nahmen, hatten ein anderes epigenetisches Muster als die Kontrollgruppe. Dies konnte in Tiermodellen für ulzerative Colitis reproduziert werden.

Gibt es auch bereits klinische Studien mit chemopräventiven Naturstoffen?

Ja, aber diese haben eher enttäuscht. Bei einer vor Kurzem beendeten klinischen Studie zur Prävention von Prostatakrebs durch Selen und Vitamin E gab es keinen vorbeugenden Effekt. Zum Teil war die Inzidenz von Diabetes sogar erhöht. Dies war sicherlich ein Rückschlag, weil dies bereits die zweite große Studie nach der ATBC-Studie (Alpha-Tocopherol, Beta Carotin) war, die einen positiven Effekt chemopräventiver Substanzen nicht zeigen konnte. Die ATBC-Studie untersuchte Mitte der 90er Jahre, ob Alpha-Tocopherol das Auftreten von Lungenkrebs bei Rauchern verhindern kann. In dieser Studie kam es sogar zu einer Erhöhung der Sterblichkeit bei den Rauchern durch Lungenkrebs.

Kommentar des Instituts VmV

Das Team des Instituts für Vorsorge und moderne Vitalstoffmedizin sieht dieses Interview eher kritisch. Es ist zwar sensationell, dass nur durch die Gabe von Apfelsaft ein genetisch festgelegtes Tumorrisiko um fast die Hälfte reduziert werden kann. Das zeigt wieder sehr deutlich, wie wichtig eine vitalstoffreiche Ernährung ist. Doch woher kommt die Wirkung des Apfelsaftes? Etwa vom enthaltenen Vitamin C? Oder vom Vitamin E? Oder vom Quercitin, einem sekundären Pflanzenstoff? Oder vielleicht doch vom Zusammenspiel aller im Apfel enthaltener Vitalstoffe?

Wie schon lange bekannt ist, ist es das Zusammenspiel der Vitalstoffe. Seitdem wissen wir auch, dass die Vitalstoffe in der natürlichen Kombination sogar viel stärker wirken als ihre einzelnen Stoffe es vermuten lassen. Das nennt man „Synergieeffekte“. Und natürlich wäre es ideal, wenn alle Menschen tagtäglich genügend vitalstoffreiche Lebensmittel essen würden. Mindestens 5 Portionen sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. „Mindestens 5“ heißt allerdings, dass bei den heutigen Lebensbedingungen einhergehend mit vermehrtem Stress und Bewegungsmangel die meisten Menschen eher 7-10 Portionen bräuchten. Und das schafft wohl keiner so ganz leicht

Aus diesem Grund macht Nahrungsergänzung Sinn. Selbstverständlich sollte die Nahrungsergänzung dann auch so nah wie möglich am Vorbild der Natur sein. Es ist also nicht ausreichend nur Vitamin C oder Vitamin E einzunehmen, oder wie in der oben erwähnten Studie nur hochdosiertes synthetisches Beta-Carotin. Einzelne Vitalstoffe kann der Körper kaum oder gar nicht aufnehmen und verwerten.

Es gibt zahlreiche Studien, die zeigen, dass natürliche Vitalstoffe in Kombination viel besser wirken. Wer zum Beispiel viel natürliches Beta-Carotin zu sich nimmt, ist deutlich besser vor Lungenkrebs geschützt. Das wir in dem Interview gar nicht erwähnt. Die „Chemoprävention mit Naturstoffen“ hat also keineswegs enttäuscht – sie ist der neu Hoffnungsträger der Medizin! Aber eben nur mit Naturstoffen, nicht mit im Labor nachgebauten Stoffen. Soviel ist heute eindeutig bewiesen.

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